Autor: Nicki

  • Zwischen Schmerz, Trigger und Überlebensmodus

    Zwischen Schmerz, Trigger und Überlebensmodus

    Das Leben startet in der Regel schon traumatisch, mit der Geburt – meist für Mutter und Kind. Im Laufe unseres Lebens erleben wir viele weitere traumatische Erlebnisse, die uns auf verschiedene Weisen prägen.

    Das Wichtigste in Kürze

    • Es gibt verschiedene Arten von Trauma.
    • Trauma passiert in unserem Nervensystem.
    • Quasi jeder Mensch hat Entwicklungstraumatas.
    • Unser Körper zeigt uns unser Trauma auf verschiedene Arten.
    • Besonders in Beziehungen zu anderen Menschen kommt unser alter Schmerz an die Oberfläche.
    • Es gibt Trigger, durch die unser Schmerz getriggert wird, was wir mit Überlebensstrategien versuchen zu vermeiden.
    • Indem wir unsere Trigger kennenlernen, haben wir eine Chance auf „Neuprogrammierung“ unserer Muster.

    Was ist ein Trauma eigentlich?

    Im Volksmund ist ein Trauma ein sehr einschneidendes Erlebnis und wird meistens mit großen Events wie einem Todesfall, Autounfall, etc. verbunden.

    Tatsächlich wird zwischen einem Schock- und einem Entwicklungstrauma unterschieden. Während das Schock-Trauma durch ein einmaliges, größeres Event ausgelöst wird, ist das Entwicklungstrauma ein kontinuierlich und sich wiederholendes Ereignis, das alleine nicht groß oder schlimm sein muss. Es prägt sich jedoch in unsere Persönlichkeit ein.

    Ein Entwicklungstrauma hat quasi jeder von uns in unterschiedlichen Ausprägungen. Vermutlich liest du gerade die Zeilen und denkst dir, dass deine Kindheit doch eigentlich ganz wunderbar war und das war sie bestimmt auch! Dennoch gibt es auch in den liebevollsten Familien selten die Kapazität, immer alles „richtigzumachen“!

    Das Entwicklungstrauma im Körper

    Man kann sich ein Trauma so vorstellen, dass bei Gefahr (das kann auch die emotionale Abwesenheit unserer Bezugspersonen sein) unser Körper in einen Ausnahmezustand gerät. Konkret wird das sympathische Nervensystem aktiviert, es werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet und der Körper mobilisiert alle notwendigen Reserven, um mit Kampf, Flucht oder Erstarren der Gefahr entgegenzutreten.

    Normalerweise wird nach der Gefahr das parasympathische Nervensystem wieder aktiviert, sodass unser Körper wieder in ein Gleichgewicht kommt. Passiert das nicht, weil unsere Bezugspersonen beispielsweise nicht die Kapazitäten haben, bleibt unser Nervensystem aktiviert. Das ist der Schmerz, der in dem Moment in unserem Körper gespeichert wird.

    Anzeichen eines aktivierten Nervensystems:

    • Anspannungen in Nacken, Rücken und Kiefer
    • regelmäßige Kopfschmerzen und Migräne
    • Rastlosigkeit
    • Konzentrationsschwäche, „Nebel“ im Kopf
    • dissoziative Zustände
    • Schlafprobleme
    • Süchte jeglicher Art
    • Ego-Stories
    • hoher Ruhepuls
    • Workaholic
    • schwaches Immunsystem – man ist dauernd krank
    • Depressionen
    • uvm. …

    Auch ernstere Krankheiten, Autoimmunkrankheiten, ADHS, etc. können Folgen sein. Hier findest du ein Buch, das das ausführlich behandelt: Wenn der Körper nein sagt – Gabor Maté

    Wie wirkt sich das im Erwachsenenalter aus?

    Der Mensch ist auf Beziehungen ausgelegt und sucht bewusst Verbindung mit anderen Menschen – das ist tief in uns veranlagt. Laut Gabor Maté suchen wir uns Freunde und Partner mit einer ähnlichen Tiefe an Trauma aus. Damit ist klar, dass früher oder später unser Schmerz reaktiviert wird. Das passiert häufig durch sogenannte Trigger. Unser Körper möchte den Stress, der in uns ist, loswerden, allerdings kommen dann meistens unsere Überlebensstrategien dazwischen.

    Viele Partnerschaften landen so häufig in einem Teufelskreis (Loop of doom):

    Partner 1 wird getriggert, weil Partner 2 zu lange nicht antwortet. Partner 1 hat Angst vor Bindungsverlust und wurde in seiner Kindheit häufig mit seinen Emotionen zurückgewiesen (der Schmerz). Bei Partner 1 setzt die Überlebensstrategie ein, die versucht, mit mehr Nähe und mehr Kontakt Partner 2 zum Antworten und der gewollten Bestätigung zu bringen. Partner 2 hat allerdings eine Kindheit gehabt, in der nicht über Emotionen und Gefühle geredet wird – er musste damit alleine klarkommen (der Schmerz). Er wird also durch zu viel Nähe getriggert und zieht sich zurück (seine Überlebensstrategie). Das wiederum triggert Partner 1 noch mehr und er versucht Partner 2 stärker zum Antworten zu bringen, was Partner 2 noch mehr triggern und so weiter … der Teufelskreis!

    Das ist ein Beispiel für eine sehr häufige Partnerkonstellation: Partner mit einem ängstlichen Bindungsstil trifft auf einen Partner mit vermeidendem Bindungsstil.

    Was kann ich tun?

    Zusammengefasst:

    • Der Schmerz stammt aus einem Event aus der Vergangenheit und hat selten etwas mit der Gegenwart zu tun.
    • Dieser Schmerz wird mit Triggern, meist von extern, an die Oberfläche geholt.
    • Um den Schmerz zu vermeiden, haben wir uns Überlebensstrategien einfallen lassen.

    Es lässt sich verallgemeinern, dass wenn jemand etwas zu mir sagt, mich das trifft und ich entsprechend reagiere (nicht antworte, laut werde, …), das einen tiefen Schmerz in mir triggert.

    Das einfachste, was du tun kannst, sind deine Trigger beobachten. Wann fühlst du Widerstand in dir? Wann möchtest du am liebsten laut werden oder wegrennen? Wann bist du verletzt, traurig oder wütend?

    Wenn du die Trigger für dich identifizieren kannst, mache eine Pause, bevor du reagierst. Damit können unsere neuen Hirnareale die Reaktion des „Neandertaler“-Hirns überschreiben und du schaffst es über die Zeit einen neuen Umgang in den Situationen zu kreieren.

  • Bist du gut genug? 8 typische Ego-Stories

    Bist du gut genug? 8 typische Ego-Stories

    Nachdem wir gelernt haben, was das Ego ist und wie sich seine Geschichten auf uns auswirken, wollen wir uns doch einmal den verschiedenen Narrativen widmen.

    Was gibt es für Narrative?

    Da draußen kursieren viele Geschichten und Narrative, die teils sehr individuell sind. Es gibt dennoch einige typische Ego-Stories, die häufig vorkommen:


    1. Die Opfergeschichte

    „Die Welt ist gegen mich.“ Menschen in dieser Geschichte sehen sich oft als Opfer der Umstände, anderer Menschen oder des Lebens im Allgemeinen.

    Beispiele: „Ich kann nie etwas richtig machen.“ / „Niemand versteht mich.“


    2. Die Heldengeschichte

    „Ich bin der Retter.“ Diese Story dreht sich um die Wahrnehmung, dass man immer Probleme lösen oder anderen helfen muss.

    Beispiele: „Ohne mich würde hier nichts funktionieren.“ / „Ich opfere mich für andere auf.“


    3. Die Versagergeschichte

    „Ich bin nicht gut genug.“ Menschen mit dieser Story fühlen sich oft minderwertig oder inkompetent.

    Beispiele: „Ich schaffe das nie.“ / „Ich bin nicht talentiert genug.“


    4. Die Erfolgsgeschichte

    „Ich muss erfolgreich sein.“ Diese Story basiert auf der Idee, dass der eigene Wert durch äußere Erfolge definiert wird.

    Beispiele: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich mehr erreiche als andere.“ / „Ich darf keine Schwäche zeigen.“


    5. Die Rebellengeschichte

    „Ich bin anders als alle anderen.“ Diese Story betont die Abgrenzung von Normen und Regeln.

    Beispiele: „Ich mache die Dinge auf meine Weise.“ / „Niemand versteht meine Vision.“


    6. Die Romantiker-Geschichte

    „Ich suche die perfekte Verbindung.“ Menschen in dieser Story idealisieren Beziehungen oder suchen einen Lebenssinn durch andere.

    Beispiele: „Ohne Liebe bin ich nichts.“ / „Ich brauche jemanden, der mich vervollständigt.“


    7. Die Kontrollgeschichte

    „Ich muss alles kontrollieren.“ Diese Story dreht sich um den Wunsch, die eigene Umwelt, andere Menschen und Ergebnisse zu steuern.

    Beispiele: „Wenn ich es nicht mache, läuft es schief.“ / „Ich darf keine Fehler machen.“


    8. Die Unabhängigkeitsgeschichte

    „Ich brauche niemanden.“ Diese Story betont Autonomie und meidet Abhängigkeiten.

    Beispiele: „Ich komme alleine klar.“ / „Ich lasse niemanden zu nah an mich heran.“


    9. Die Sucher-Geschichte

    „Ich bin auf der Suche nach meinem wahren Selbst.“ Menschen in dieser Story fühlen sich oft unfertig oder verloren.

    Beispiele: „Ich muss herausfinden, wer ich wirklich bin.“ / „Ich brauche mehr Zeit, um mich zu finden.“


    Warum lohnt es sich, sich von Narrativen freizumachen?

    Möchtest du freiwillig in einem Gefängnis wohnen, von Wärtern bewacht und von außen deinen Tag diktiert bekommen? Nein? Dann ist das dieselbe Argumentation, die hier auch greift!

    Diese Art Geschichten verhindern, dass wir den Job ausüben, den wir eigentlich wollen, dass wir in Beziehungen festhängen, die uns nicht guttun, dass wir die Reise nicht machen, die wir schon so lange tun wollen, …

    Das Ego ist von Angst geprägt und hält unsere Freiheit zurück – eigentlich um uns zu schützen. Wäre es nicht schöner, wirklich frei entscheiden zu können?

    Wie komme ich aus der Geschichte raus?

    Ego-Stories sind narrative Muster oder innere Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen. Sie formen das Selbstbild und beeinflussen, wie man die Welt wahrnimmt und auf sie reagiert. Meist läuft das Muster in unserem Unterbewusstsein ab und ist häufig schon so in unseren Alltag integriert, dass wir die Unterschiede nicht mehr wahrnehmen.

    Je nach Prägung und Geschichte gibt es verschiedene Ansätze aus der Geschichte herauszukommen. Das Wichtigste, was alle Stränge gemeinsam haben, ist innehalten und den Moment wahrnehmen – nicht urteilen, nicht ändern, einfach wahrnehmen! Alles Weitere kommt dann automatisch ins Rollen …

  • Die Stimme im Kopf

    Die Stimme im Kopf

    Wenn wir an Ego denken, kommt uns häufig ein Typ mit fettem Auto, herausstechenden Klamotten und sehr selbstbewusstem Auftreten in den Sinn: „Boah, dieser Typ mit seiner fetten Karre … der hat es echt nötig, hat wohl ein kleines Ego!“ Was uns dabei nicht bewusst ist, ist, dass aus uns ebenfalls unser Ego spricht. 

    Das Wichtigste zusammengefasst:

    • Das Ego ist die Stimme im Kopf, die urteilt.
    • Das Ego ist ein evolutionärer Schutzmechanismus, den es im Erwachsenenleben nicht mehr braucht.
    • Das Ego füllt die Pause mit eigenen Geschichten, um uns vor Schmerz und Unbehagen zu schützen.
    • Wahrnehmen und verstehe, dass es nur eine Geschichte im Kopf ist, hilft in den ersten Schritten.

    Was ist das Ego?

    Wir alle haben Stimmen im Kopf, die Situationen analysieren und „sich Gedanken“ machen. Das Ego zeichnet sich dadurch aus, dass es urteilt. 

    Nehmen wir an, wir laufen auf der Straße, uns begegnet jemand, schaut uns an, grüßt aber nicht. Je nachdem fängt unsere Stimme im Kopf an, die Situation zu bewerten: „Der war aber unhöflich!“ „Kann man nicht mal Hallo sagen!“ Oder in einer anderen Storyline: „Der findet mich bestimmt nicht hübsch genug zum Grüßen“ „Wahrscheinlich hat er meinen Fleck auf dem Oberteil gesehen und grüßt deshalb nicht!“ …

    Am Ende ist die Geschichte, dass uns jemand begegnet ist und nicht gegrüßt hat. Punkt. Wir wissen nicht, ob die Person uns wirklich wahrgenommen hat, was in ihr vorgeht und weiteres. Und statt das Unbekannte unbekannt zu lassen, befüllt es unser Ego mit einer Geschichte.

    Woher kommt die Ego-Stimme?

    Unser Ego war in unserem frühen Leben unser Beschützer. Unser Nervensystem ist evolutionär auf Kampf, Flucht und Erstarren ausgelegt, um uns in Gefahrensituationen vor dem Tod zu retten. Diese Mechanismen werden auch bei Verbindungsverlust zu unseren Bezugspersonen in emotional schwierigen Situationen ausgelöst. Man darf nicht vergessen, ein Baby oder Kleinkind ist ohne Eltern dem Tod geweiht – das ist in unserem Nervensystem tief verankert. 

    Haben wir also Verbindungsverluste, weil unsere Bezugspersonen emotional nicht verfügbar sind, gerät unser Nervensystem in einen Ausnahmezustand. Können die Bezugspersonen die Verbindung zügig wieder aufnehmen, alles gut. Meistens liegt dahinter aber ein tieferes, gelerntes Muster, das die Situation ohne Verbindung enden lässt. Bei dem Kind wird das Nervensystem alarmiert und es beginnt Überlebensstrategien zu finden. Eine davon ist das Ego, die Stimme der Angst, die uns eigentlich nur beschützen will. 

    Was macht das Ego im Erwachsenenalter?

    Im Erwachsenenalter kann man sagen, dass das Ego nur hinderlich ist. Es schränkt uns in unserer Wahrnehmung ein, raubt uns Entdeckerfreude, schürt die Angst und nimmt uns damit unsere Freiheit!

    Wir interpretieren Dinge in Situationen, die wir oft gar nicht wissen oder beurteilen können und verbauen uns damit Chancen. 

    Unser Ego kann schlecht mit Pausen oder emotionalem Unwohlsein umgehen und versucht deshalb das Vakuum mit seiner Meinung zu füllen. 

    Wie geht man mit der Stimme im Kopf um?

    Stefanie Stahl sagt immer „erkennen und umschalten“. Das wichtigste ist zu erkennen, wenn man urteilt und das reicht häufig schon völlig aus. 

    Wir sind nicht unsere Gedanken und wir sind nicht unsere Gefühle. Wir erleben beides lediglich. Wenn also unser Ego das Steuer übernimmt, können wir uns zurücklehnen, Popcorn holen und je nachdem ein spannendes Theater erleben. Der Autor lässt sich da so manches einfallen 😊