Das Leben startet in der Regel schon traumatisch, mit der Geburt – meist für Mutter und Kind. Im Laufe unseres Lebens erleben wir viele weitere traumatische Erlebnisse, die uns auf verschiedene Weisen prägen.
Das Wichtigste in Kürze
- Es gibt verschiedene Arten von Trauma.
- Trauma passiert in unserem Nervensystem.
- Quasi jeder Mensch hat Entwicklungstraumatas.
- Unser Körper zeigt uns unser Trauma auf verschiedene Arten.
- Besonders in Beziehungen zu anderen Menschen kommt unser alter Schmerz an die Oberfläche.
- Es gibt Trigger, durch die unser Schmerz getriggert wird, was wir mit Überlebensstrategien versuchen zu vermeiden.
- Indem wir unsere Trigger kennenlernen, haben wir eine Chance auf „Neuprogrammierung“ unserer Muster.
Was ist ein Trauma eigentlich?
Im Volksmund ist ein Trauma ein sehr einschneidendes Erlebnis und wird meistens mit großen Events wie einem Todesfall, Autounfall, etc. verbunden.
Tatsächlich wird zwischen einem Schock- und einem Entwicklungstrauma unterschieden. Während das Schock-Trauma durch ein einmaliges, größeres Event ausgelöst wird, ist das Entwicklungstrauma ein kontinuierlich und sich wiederholendes Ereignis, das alleine nicht groß oder schlimm sein muss. Es prägt sich jedoch in unsere Persönlichkeit ein.
Ein Entwicklungstrauma hat quasi jeder von uns in unterschiedlichen Ausprägungen. Vermutlich liest du gerade die Zeilen und denkst dir, dass deine Kindheit doch eigentlich ganz wunderbar war und das war sie bestimmt auch! Dennoch gibt es auch in den liebevollsten Familien selten die Kapazität, immer alles „richtigzumachen“!
Das Entwicklungstrauma im Körper
Man kann sich ein Trauma so vorstellen, dass bei Gefahr (das kann auch die emotionale Abwesenheit unserer Bezugspersonen sein) unser Körper in einen Ausnahmezustand gerät. Konkret wird das sympathische Nervensystem aktiviert, es werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet und der Körper mobilisiert alle notwendigen Reserven, um mit Kampf, Flucht oder Erstarren der Gefahr entgegenzutreten.
Normalerweise wird nach der Gefahr das parasympathische Nervensystem wieder aktiviert, sodass unser Körper wieder in ein Gleichgewicht kommt. Passiert das nicht, weil unsere Bezugspersonen beispielsweise nicht die Kapazitäten haben, bleibt unser Nervensystem aktiviert. Das ist der Schmerz, der in dem Moment in unserem Körper gespeichert wird.
Anzeichen eines aktivierten Nervensystems:
- Anspannungen in Nacken, Rücken und Kiefer
- regelmäßige Kopfschmerzen und Migräne
- Rastlosigkeit
- Konzentrationsschwäche, „Nebel“ im Kopf
- dissoziative Zustände
- Schlafprobleme
- Süchte jeglicher Art
- Ego-Stories
- hoher Ruhepuls
- Workaholic
- schwaches Immunsystem – man ist dauernd krank
- Depressionen
- uvm. …
Auch ernstere Krankheiten, Autoimmunkrankheiten, ADHS, etc. können Folgen sein. Hier findest du ein Buch, das das ausführlich behandelt: Wenn der Körper nein sagt – Gabor Maté
Wie wirkt sich das im Erwachsenenalter aus?
Der Mensch ist auf Beziehungen ausgelegt und sucht bewusst Verbindung mit anderen Menschen – das ist tief in uns veranlagt. Laut Gabor Maté suchen wir uns Freunde und Partner mit einer ähnlichen Tiefe an Trauma aus. Damit ist klar, dass früher oder später unser Schmerz reaktiviert wird. Das passiert häufig durch sogenannte Trigger. Unser Körper möchte den Stress, der in uns ist, loswerden, allerdings kommen dann meistens unsere Überlebensstrategien dazwischen.
Viele Partnerschaften landen so häufig in einem Teufelskreis (Loop of doom):
Partner 1 wird getriggert, weil Partner 2 zu lange nicht antwortet. Partner 1 hat Angst vor Bindungsverlust und wurde in seiner Kindheit häufig mit seinen Emotionen zurückgewiesen (der Schmerz). Bei Partner 1 setzt die Überlebensstrategie ein, die versucht, mit mehr Nähe und mehr Kontakt Partner 2 zum Antworten und der gewollten Bestätigung zu bringen. Partner 2 hat allerdings eine Kindheit gehabt, in der nicht über Emotionen und Gefühle geredet wird – er musste damit alleine klarkommen (der Schmerz). Er wird also durch zu viel Nähe getriggert und zieht sich zurück (seine Überlebensstrategie). Das wiederum triggert Partner 1 noch mehr und er versucht Partner 2 stärker zum Antworten zu bringen, was Partner 2 noch mehr triggern und so weiter … der Teufelskreis!
Das ist ein Beispiel für eine sehr häufige Partnerkonstellation: Partner mit einem ängstlichen Bindungsstil trifft auf einen Partner mit vermeidendem Bindungsstil.
Was kann ich tun?
Zusammengefasst:
- Der Schmerz stammt aus einem Event aus der Vergangenheit und hat selten etwas mit der Gegenwart zu tun.
- Dieser Schmerz wird mit Triggern, meist von extern, an die Oberfläche geholt.
- Um den Schmerz zu vermeiden, haben wir uns Überlebensstrategien einfallen lassen.
Es lässt sich verallgemeinern, dass wenn jemand etwas zu mir sagt, mich das trifft und ich entsprechend reagiere (nicht antworte, laut werde, …), das einen tiefen Schmerz in mir triggert.
Das einfachste, was du tun kannst, sind deine Trigger beobachten. Wann fühlst du Widerstand in dir? Wann möchtest du am liebsten laut werden oder wegrennen? Wann bist du verletzt, traurig oder wütend?
Wenn du die Trigger für dich identifizieren kannst, mache eine Pause, bevor du reagierst. Damit können unsere neuen Hirnareale die Reaktion des „Neandertaler“-Hirns überschreiben und du schaffst es über die Zeit einen neuen Umgang in den Situationen zu kreieren.
