Wer rennt, verliert!

Alle sehnen sich danach: nach tiefer Verbundenheit, großen Gefühlen – den einen Menschen zu finden, mit dem sie sich sicher und geborgen fühlen. In der Realität habe ich viele Menschen getroffen, die exakt die Chance dazu hatten, am Ende aber doch weggerannt sind, warum?

Die ersten Phasen einer Beziehung

Phase 1: Verliebtheit

Wenn wir einen Menschen finden, zu dem wir uns hingezogen fühlen, dann passieren verschiedene Dinge in unserem Körper. Zu Beginn wird jede Menge Dopamin ausgeschüttet, das als das Glückshormon gilt. Es macht uns aufgeregt und lässt uns „Liebe“ fühlen. In der Phase tolerieren wir die Eigenheiten unseres Partners und sehen alles durch die rosarote Brille.

Wir können uns aber sicher sein, dass wir uns auch einen Partner mit der gleichen Tiefe an Trauma ausgesucht haben und das schon bald herausfordernd für uns wird.

Phase 2: Wer bis du wirklich?

Nach der ersten Verliebtheitsphase kommt der kritischste Teil in Beziehungen, der Übergang in die verbindlichere Phase (nach ca. 1 – 2 Jahren) – in der Phase trennen sich übrigens die meisten Paare. Unser Körper kann das Level an Dopamin nicht ewig aufrecht halten, was in dieser Phase durch Oxytocin abgelöst wird.

Viele haben dann das Gefühl, dass die „Liebe“ weg ist – was aber lediglich einen Wechsel in tiefere Verbundenheit einläutet.

In der Regel werden jetzt auch die ersten Trigger aktiv, sodass sich die Spreu vom Weizen trennt.

Es folgen über die Jahre weitere Phasen, auf die ich in diesem Artikel nicht eingehen werde.

Was passiert mit den Triggern?

Ein erster Konflikt, gefühlte Erwartungen, nicht mehr die gleiche Verbundenheit, Traurigkeit, Überforderung, Wunsch nach Distanz und viele weitere Gefühle, die wir als negativ empfinden, können in der zweiten Phase auftauchen.

Wer jetzt rennt, verliert! Denn was in dem Moment passiert, hat in der Regel nichts mit unserem Partner und der Beziehung (sie dienen lediglich als Spiegel), sondern mit alten Verletzungen aus früheren Beziehungen und unserer Kindheit zu tun. Mit dem richtigen Partner (jemandem, der uns dort abholt, wo wir stehen und bei dem wir uns sicher fühlen), haben wir die Chance diese alten Wunden zu verarbeiten. Aber, das braucht von beiden Partnern gleichermaßen die Bereitschaft, sich seinen Ängsten zu stellen, in die Kommunikation und in die Arbeit zu gehen – und rennen wirkt da oft einfacher.

Was passiert, wenn man rennt?

Das Lustige ist, dass das in der Regel meist gleich abläuft. Jemand, der rennt, spürt in den ersten Wochen/Monaten eine große Erleichterung (der Druck sich verletzlich zu zeigen und vermeintliche Erwartungen zu erfüllen ist sofort weg).

Storys, die das Ego dann gerne erzählt:

  • „Mit dem richtigen Partner wäre es einfach!“
  • „Ich bin stark, weil ich aus der Beziehung gehe!“
  • „Die Beziehung hat so viel Kraft gekostet, gut, dass ich wieder alleine bin!“
  • „Alleine komme ich besser zurecht!“
  • „Mein Partner war so bedürftig!“
  • „Es war nicht der richtige Zeitpunkt!“
  • „Es war keine echte Liebe!“

Das geht dann fließend in die Phase der Ablenkung über, denn nachdem der erste Druck weg ist, kommen unangenehme Gefühle hoch vor denen man lieber wegrennt. So wird der Tag mit Terminen vollgestopft, sich in die Arbeit gekniet, am Wochenende gefeiert bis zum Umfallen und verreist – Hauptsache man rennt weiter.

Häufig wird auch in eine neue Partnerschaft gehüpft – nicht selten eine alte aufgewärmt – weil es so noch einfacher ist vor seinen Gefühlen wegzurennen. Das Muster wird sich in den nächsten Beziehungen wiederholen und vor allem sogenannte Rebound Beziehungen halten selten lange. Hieraus kann sich auch übrigens der Glaubenssatz „Ich bin nicht für Beziehungen geeignet! / Ich bin glücklicher alleine!“ entwickeln!

Irgendwann, wenn man sich sicher fühlt und denkt, man hat alles im Griff, kommt der große Schlag – die Reue! Man realisiert, was man vielleicht doch alles verloren hat und dass die Entscheidung vielleicht eher aus Angst getroffen wurde.

Entweder werden jetzt Brotkrumen ausgelegt, quasi vorsichtiges Prüfen, ob der Partner noch verfügbar ist, oder die Angst vor Zurückweisung ist zu groß und man redet sich ein, dass es eh das Beste war.

Was es dann braucht, um der Beziehung doch noch eine Chance zu geben, ist eine klare Kommunikation, den Willen zu reparieren, was man kaputt gemacht hat und die Bereitschaft sich seinen Themen zu widmen – das erfordert viel Mut!

Was passiert, wenn man nicht rennt?

Ist man getriggert, lebt man eine ganze Weile im Unbehagen (wechselhaft Tage, Wochen oder auch Monate). Das Ego erzählt Storys, der Körper macht komische Dinge und man tut sich schwer eine Nähe zum Partner aufzubauen. Wichtig ist, dass man sich Zeit lässt und keine Entscheidungen in solchen Momenten trifft. Wichtig ist auch, dass man sich auf sich und seine Bedürfnisse konzentriert. Brauchst du Zeit, kommuniziere! Brauchst du ein offenes Ohr, kommuniziere! Brauchst du einfach eine Umarmung, kommuniziere! Brauchst du Raum für dich, kommuniziere! Mit dem richtigen Partner an der Seite lässt es sich durch diese Phase des Unbehagens navigieren.

Bei mir ging das Unbehagen so weit, dass ich einige Zeit Herzrhythmusstörungen hatte, für die klinisch keine Ursache gefunden wurde.

Wichtig: Die Antworten und Lösungen liegen nicht im Außen. Es ist in diesem Moment nicht die Beziehung, die Familie, der Job, sondern eine Reflexion unserer Vergangenheit – wir finden, was wir brauchen in unserem Inneren.

Tritt das erste Mal ein solcher Trigger auf, kann das seltsam und beängstigend sein. Folgen wir unseren alten Überlebensmustern, wiederholen wir die Situation wieder und wieder. Schaffen wir es innezuhalten und uns Zeit zu geben, unsere Reaktion darauf an unser Erwachsenen-Ich anzupassen, schaffen wir uns Stück für Stück neue und gesunde Muster.

Das Schöne ist, dass es beiden Partnern so gehen wird und Trigger für beide in unterschiedlichen Formen und Intensitäten auftauchen werden.

Wenn beide Partner gewillt sind, die Verantwortung für ihren Teil zu übernehmen, offen und respektvoll zu kommunizieren und gemeinsam durch dieses Tal der Trigger zu navigieren, wird die Beziehung genau diese Tiefe und Verbundenheit haben, nach der wir uns alle sehen! Der Weg durchs Tal braucht etwas Zeit, ist manchmal ziemlich anstrengend, hält aber nicht ewig an. Und wer jetzt rennt, verliert sowieso!